iOS 11 beinhaltet viele kleine Verbesserungen unter der Oberfläche, darunter ein neues Speicherformat für Bilder und Videos. Was aber bringen diese neuen Formate? Und was bedeutet der Wechsel für den täglichen Umgang mit den eigenen Bildern und deren Austausch mit Freunden?

Mit dem im Herbst zur Verfügung stehenden iOS 11 werdet ihr in der Lage sein, Live-Fotos als Endlosschleife, mit Zurückspulanimation oder der Optik einer Langzeitbelichtung darzustellen. Außerdem hat Apple die integrierten Filter überarbeitet, dank derer beispielsweise Porträts noch ausdrucksstärker wirken. Von der wohl größten Neuerung in der Fotos-App werdet ihr direkt im Anschluss an die Installation erst einmal nichts merken: Statt JPEG speichert das iPhone künftig Bilder im HEIF- und Videos im HEVC-Format. Doch was genau steckt hinter diesem Format? Hier findet ihr Antworten auf die 10 wichtigsten Fragen dazu.

 

  1. Warum ein neues Format?

Bisher speichert das iPhone Bilder im JPEG- und Videos im H.264-Format. Während H.264 mit 15 Jahren noch vergleichsweise jung ist, hat JPEG bereits ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel und ist nicht mehr in der Lage, den Anforderungen von Morgen gerecht zu werden. Die größte Schwäche dieses Dateiformats ist die zu geringe Komprimierung: Die gespeicherten Bilder sind heutzutage einfach zu groß. Hinzu kommen funktionelle Einschränkungen.

 

  1. Welchen konkreten Vorteil bringen HEVC und HEIF?

Für Videos hat sich Apple anstelle des H264-Formats in dem neuen iOS 11 für „MPEG-H part 2“, auch H.265 genannt, entschieden. Apple nennt das Video-Format wiederum „High Efficiency Video Coding“, kurz HEVC. Die „hohe Effizienz“ beschreibt auch direkt den größten Vorteil: Durch bessere Komprimierung verbrauchen neue Videos nur noch halb so viel Speicher. Oder anders gesagt: Mit iOS 11 könnt ihr bei gleichem Speicherverbrauch doppelt so viele Videos drehen wie unter iOS 10. Ein positiver Nebeneffekt: Durch HEVC sinkt auch die benötigte Bandbreite bei Videostreams. HEVC könnte also den Weg für ein 4K-Apple-TV ebnen. Das Foto-Pendant „High Efficiency Image File Format“, kurz HEIF („Hiff“ ausgesprochen), ist eng mit HEVC verwandt. Auch HEIF halbiert somit den Speicherverbrauch eurer Bilder.

 

  1. Benötige ich für HEVC und HEIF neue Hardware?

Jein. Alle iOS-11- und macOS-High-Sierra-fähigen Geräten werden in der Lage sein, Bilder und Videos in den neuen Formaten darzustellen. Um Bilder oder Videos in HEVC und HEIF aufzeichnen zu können wird ein A10-Fusion-Prozessor oder besser vorausgesetzt. Dieser ist im iPhone 7 und iPhone 7 Plus und den im Juni veröffentlichten iPad-Pro-Modellen enthalten. Außerdem werden der 27-Zoll-5K-iMac, der 21-Zöller aus 2017 sowie die seit 2016 veröffentlichten MacBooks in der Lage sein, HEVC Hardware-unterstützt schneller zu codieren und Akku-schonender zu dekodieren.

 

  1. Bedeutet eine stärkere Komprimierung schlechtere Qualität?

Um Videos besser zu speichern oder zu übertragen, werden diese vorher komprimiert. Dadurch verändert sich zwar die Auflösung nicht, es treten allerdings Bildfehler wie Artefakte, Bildrauschen oder eine Art Schleier im Bild auf. HEIF komprimiert Videos nicht nur besser, sondern auch schlauer. Bei der Videokomprimierung analysieren Programme einzelne Bildframes und codieren nur die Bildblöcke, die sich ändern. Bei stark komprimierten Webvideos tauchen deshalb ab und zu Blöcke auf oder Gesichter verschwimmen im Hintergrund. HEVC ist bei der Analyse der einzelnen Frames nicht nur präziser, sondern auch flexibler was die Größe der codierten Fläche betrifft. Des Weiteren kann HEVC Bewegungen besser kompensieren und sogar vorhersagen. Dadurch entsteht ein Bild mit weniger Störungen bei geringerer Dateigröße im Vergleich zu H.265. Mit anderen Worten: Die Qualität leidet bei HEVC nicht, sondern ist sogar besser als andere komprimierende Formate.

 

  1. Sehen Bilder auch besser aus?

Natürlich spielt der Unterschied zwischen zwei einzelnen Bildframes bei Fotos keine Rolle. Allerdings enthält HEVC weitere Verbesserungen in der Komprimierung, vor allem im Vergleich mit dem sehr alten JPEG-Standard. Die Bildqualität wird vor allem in Fällen besser, in denen hohe Kontraste eine Rolle spielen, beispielsweise bei Bildern eines Sonnenuntergangs. JPEG kodiert Bilder mit 8 Bit Bildtiefe, HEIF jedoch mit 10 Bit. Dadurch sind feinere Abstufungen möglich. Bei der Nachbearbeitung stehen außerdem mehr Bildinformationen zur Verfügung. Das ist auch der Grund, weshalb viele Fotografen das RAW-Format verwenden. Dieses bietet – je nach Kameramodell – 12, 14 oder sogar 16 Bit. Mit HEIF können also auch iPhone-Fotografen ohne RAW-Format bessere Bilder knipsen.

 

  1. Warum ist HEIF ein „Container“?

Streng genommen ist HEIF nicht ein Bildformat, sondern ein Container. Es handelt sich also um eine Datei, die wiederum mehrere Dateien beinhaltet. Ein HEIF-Container kann neben dem eigentlichen Bild auch Fotos für Bewegtbilder wie Live Fotos oder Serienbilder enthalten sowie zusätzliche Kanäle für Tiefe und Transparenz. Mit mehreren Versionen eines Bildes in einer Datei, beispielsweise verschiedene Belichtungsstufen, legt Apple den Grundstein für die Algorithmus-basierte Bildoptimierung und Auswahl. Verschiedene Auflösungen des gleichen Bildes im Container erlauben es, eine Datei für diverse Anwendungen zu verwenden, zum Beispiel als kleines Bild im Web und hochauflösend für den Druck. Zusätzliche Metadaten ermöglichen Anwendungen wie eingebettete Audio-Inhalte oder Untertitel.

 

 

  1. Funktionieren die neuen Formate auch auf anderen Geräten?

Durch den Abschied von JPEG könnte es für iPhone-Anwender schwieriger werden, ihre Bilder mit den Benutzern anderer Geräte zu teilen, die noch nicht in der Lage sind, HEVC- und HEIF-Dateien anzuzeigen. Zum Glück hat Apple dieses Szenario bedacht und eine automatische Konvertierung im Hintergrund integriert. Wenn ihr also ein Video oder Foto in iOS 11 teilt, enthält der Empfänger eine ganz normale .jpeg- oder .mov-Datei. Außerdem sind die neuen Codecs keine Pflicht: In den Einstellungen unter Kamera und Formate werdet ihr von „High Efficiency“ auf „Maximale Kompatibilität“ wechseln können. Um HEVC-Videos auch auf anderen Geräten abzuspielen, zum Beispiel auf dem Fernseher oder einer Spielekonsole, müssen Hersteller mindestens Software-Updates nachreichen. Auf älteren Geräten werden die neuen Codecs hingegen überhaupt nicht funktionieren.

 

  1. Werden auch andere Kamerahersteller HEIF und HEVC unterstützen?

Möglicherweise. Wie für die Verwendung von JPEG und H.264 werden auch für die Integration von HEVC und HEIF Lizenzkosten fällig. Fraglich ist, wie motiviert Kamerahersteller sein werden, ihre Software anzupassen. Immerhin gibt es für Videos und Fotos auch Alternativen zur unkomprimierten Aufzeichnung. Gerade bei Fotografen ist RAW ohnehin der Quasistandard, der wie bereits erklärt eine bessere Qualität als HEIF liefert. Allerdings sind auch seine Dateien viel größerer. Unsere Vermutung: Da es sich bei HEIF und HEVC um standardisierte Formate handelt, werden auch andere Hersteller diese integrieren. Das könnte allerdings noch etwas dauern.

 

 

  1. Wie sieht es mit Foto-Apps wie Snapseed oder Pixelmator aus?

Würdet ihr aktuell ein HEIF-Foto oder ein HEVC-Video an eine App auf dem iPhone oder Mac an eine nicht-Apple-App zur Bearbeitung importieren, würde iOS oder macOS daraus im Hintergrund schnell eine JPEG-, beziehungsweise H.264-Version erstellen. Native HEIF- und HEVC-Unterstützung müssen von Entwicklern erst noch in ihre Apps implementiert werden. Da beide Formate nicht der Open-Source-Lizenz unterliegen, müssen diese ähnlich wie von Kameraherstellern eingekauft und integriert werden. Bis zur Veröffentlichung von iOS 11 dürfte zumindest HEIF in einigen Apps wie Photoshop Express, Affinity Designer oder Pixelmator integriert werden.

 

  1. Wo kann ich mehr über die technischen Details erfahren?

Wenn ihr mehr zu den neuen Bildformaten erfahren wollt, werdet ihr direkt bei Apple fündig. In etwa 35 Minuten erklären zwei Entwickler aus Apples Core Media Software Team ausführlich die technischen Details der beiden Formate.

iOS 11 wird voraussichtlich im September veröffentlicht. Kompatibel sind alle iPhones ab dem iPhone 5s, iPads ab dem iPad mini 2 oder iPad der 5. Generation sowie der iPod touch der 6. Generation. Wer iOS 11 schon jetzt testen möchte, kann sich unter beta.apple.com für das Beta Software-Programm registrieren. Die Beta-Version ist allerdings noch fehlerbehaftet und sollte nur nach einem Backup zur Wiederherstellung oder auf Zweitgeräten getestet werden.