Die Ausgangsbeschränkungen haben in den vergangenen Monaten viele Innovationen hervorgebracht und den Technologiewandel beschleunigt. Wir zeigen euch spannende Entwicklungen, die bleiben werden.

Es ist eine dieser rührenden Geschichten, die nur die vergangenen Monate hervorbringen konnten. Weil die Klavierlehrerin Cornelia Vertenstein aus Denver wegen der Corona-Pandemie keine Schüler mehr empfangen konnte, begann sie, über Facetime zu unterrichten – und das mit 92 Jahren. Diese Entschlossenheit und Hingabe war Stoff für viele Berichte und hat sogar Vodafone zu einem Werbespot inspiriert.

2020 hat uns viele neue Wege aufgezeigt. So schnell, wie wir uns an Abstands- und Hygieneregeln gewöhnen mussten, sind Videokonferenzen, Heimbüro und Homeschooling für viele zur Selbstverständlichkeit geworden. Auf der ganzen Welt hat das Corona-Virus Innovationen vorangetrieben oder den Technologiewandel beschleunigt. 

Fitnessstudio, Fahrschule und Sprechstunde werden digital

Zu den Gewinnern der Krise zählt das New Yorker Unternehmen Peloton. Die vernetzten Fitness-Bikes sind für viele zur Alternative für das Fitnessstudio geworden. Die Zahl der Abo-Kunden, die für Online-Trainingskurse auf dem Bildschirm ihrer Peloton-Geräte zahlen, stieg binnen eines Jahres um 113 Prozent auf knapp 1,1 Millionen. Bis Mitte 2021 rechnet Peloton mit bis zu 2,1 Millionen Kunden.

Fitnessrad
©Peloton

Nicht nur der Besuch im Fitnessstudio auch die Sprechstunde beim Arzt wird digital. Telemedizin hat in den vergangenen Monaten große Fortschritte gemacht. Sofern das Krankheitsbild es zulässt, dürfen Mediziner Patienten in den meisten Bundesländern inzwischen auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt per Videosprechstunde behandeln. Unter Umständen kann der Arzt auch Gesundheitsdaten verwenden, die der Patient mit einem Wearable wie der Apple Watch aufgezeichnet hat.

Wegen der vorgeschriebenen Präsenzplicht durften Fahrschulen bisher keinen Online-Unterricht anbieten. Nun hat das Land Nordrhein-Westfalen vorübergehend den Theorieunterricht über ein E-Learning-Angebot für zulässig erklärt. Bis Ende September durfte die Online-Fahrschule Driveddy die Pflichtkurse digital anbieten – und das bis zu 80 Prozent günstiger als herkömmliche Fahrschulen. Nun kämpft Driveddy für eine generelle Anerkennung des Digitalunterrichts.

Selbstreinigende und selbstgedruckte Masken 

Wie das Smartphone und der Haustürschlüssel ist die Schutzmaske mittlerweile unser ständiger Begleiter. Einwegmasken sind aber nicht nachhaltig und Stoffmasken schnell unhygienisch. Also hat die Designstudentin Sara Lee Krog ein Verfahren, mit dem Wandbekleidungen die Raumluft verbessern, auf die Entwicklung einer selbstreinigenden Maske angewendet. Dabei wird Metalloxid in den Maskenstoff eingebracht und mit UV-Licht bestrahlt. Diese sogenannte fotokatalytische Selbstreinigung zerstört organische Stoffe wie Viren oder Bakterien. Noch befindet sich die Maske im Versuchsstadium.

Selbstreinigende Masken
©Designskolen Kolding/Facebook

Gerade zu Beginn der Pandemie waren Masken Mangelware. Mittlerweile können Engpässe auch durch 3D-Druck aufgefangen werden. Einen ersten Durchbruch verzeichnete das Czech Institute of Informatics, Robotics and Cybernetics (CIIRC CTU), das Masken nach dem FFP3-Standard drucken konnte, wie sie beispielsweise das Robert Koch Institut zur Behandlung und Pflege von Corona-Patienten empfiehlt.

Drohnen statt Boten

Einen Schritt weiter ist mittlerweile Amazon mit seiner Vision, Pakete per Drohne zuzustellen. Sieben Jahre nach der ersten Ankündigung hat die amerikanische Flugaufsicht dem Onlinehändler aus Seattle Anfang September grünes Licht gegeben, um seine „Prime Air“-Drohnen für die Lieferungen einzusetzen. Zuvor hatten bereits die Alphabet-Tochter Wings und das Logistikunternehmen UPS Genehmigungen erhalten. Amazon verspricht nun, Pakete von bis zu 2,3 Kilogramm innerhalb von 30 Minuten mit komplett autonomen Drohnen auszuliefern. 

Zu einem anderen Zweck sollen auch in Deutschland bald Drohnen eingesetzt werden. Um Corona-Tests und Blutproben zwischen den Kliniken in Wyk auf Föhr und Niebüll und gegebenenfalls auch Medikamente schneller transportieren zu können, verhandelt das Klinikum Nordfriesland derzeit mit Behörden über eine Freigabe für die Flüge.

Roboter sorgen für Hygiene

Die Zeit der weltweiten Kontaktbeschränkungen eröffnet neue Möglichkeiten für den Einsatz von Robotern. In Singapur beispielsweise macht ein ferngesteuerter Roboterhund von Boston Dynamics Menschen in Parks darauf aufmerksam, wenn sie nicht genügend Abstand halten. 

Und in einem Krankenhaus versorgen Roboter Patienten mit Medikamenten und fragen nach dem Wohlbefinden, andere desinfizieren Böden und andere Flächen. UVD Robots, ein dänischer Spezialist für die Desinfektion mit ultraviolettem Licht, hat seit Ausbruch der Pandemie hunderte von Robotern in Krankenhäuser und Gastronomiebetriebe weltweit geliefert. 

Third Generation of UVD Robots in Operating Theater
©UVD Robots

„Menschen wollen eigentlich mit Menschen interagieren, aber Covid-19 hat das geändert“, sagt Martin Ford, Autor des Bestsellers „Rise of the Robots“. Er ist überzeugt, dass die Pandemie die Vorlieben der Verbraucher verändern und neue Möglichkeiten für die Automatisierung eröffnen wird. Mittlerweile gibt es schon verschiedene Corona-Test-Roboter, die vollautomatisch den richtigen Punkt im Rachen anvisieren und eine Probe entnehmen – schneller und sicherer als ein Mensch. Hier ein Beispiel, das ein Team der University of Southern Denmark und Lifeline Robotics entwickelt hat.

Musik verbindet

Die eingangs erwähnte Klavierlehrerin Cornelia Vertenstein ist nicht die einzige, die digitalen Musikunterricht anbietet. Von den Ausgangsbeschränkungen hat auch das Linzer Startup Fretello profitiert. Die Abo-Zahlen der Gitarren-Lern-App legten in den vergangenen Monaten jeweils um 20 bis 30 Prozent zu. Dass Apple die App in 167 Ländern zur „App des Tages“ erklärte, gab zusätzlichen Schub. Nun planen die Oberösterreicher zusammen mit Huawei, die App auf den chinesischen Markt zu bringen. 

Klappt es mit den ersten Riffs, dann könnt ihr euch mit Endlesss zu einer Band zusammenschließen. Die kollaborative Musik-App erschien quasi mit dem Lockdown Ende März im App Store und verbindet seitdem Nutzer auf der ganzen Welt.