Wie erlernen Kinder den richtigen Umgang mit digitalen Medien? Im Interview mit Mediencoach Kristin Langer von Schau hin! klären wir die wichtigsten Fragen.

Digitale Medien gehören zu unserem Alltag, auch bei Kindern. Schon die ganz Kleinen beobachten, dass wir fast den ganzen Tag auf Bildschirme schauen – und wollen das natürlich auch. Wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können, Smartphone, Computer und Internet sinnvoll zu nutzen, erklärt Mediencoach Kristin Langer von der Initiative Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht.

Kristin Langer
©SCHAU HIN! – Kristin Langer

Frau Langer, in diesem Jahr fällt in vielen Familien der Urlaub in der Ferne aus, sie bleiben Zuhause. Wie können Eltern verhindern, dass ihre Kinder die ganze Zeit vor dem Smartphone oder Tablet hängen?

Dafür gibt es leider keine Zauberformel. Wichtig ist, dass Eltern und Kinder von vorneherein Pausen vereinbaren und die dann auch einhalten. Dabei ist die Lösung, dass das Streaming eines Filmes oder ein Spiel nach einer gewissen Zeit einfach abgeschaltet wird, sehr hart. Denn mit einem Film ist ja auch ein gewisser Mediengenuss verbunden oder bei einem Spiel will man ein bestimmtes Ziel erreichen. Besser ist es also, die Pausen auf die Inhalte abzustimmen. Wenn Eltern ihre Kinder bei der Entscheidung mit einbeziehen, ist es wahrscheinlicher, dass die Kinder die Lösung auch akzeptieren. Pausen dürfen nicht als Zwang oder Verlust wahrgenommen werden, deswegen sollte die medienfreie Zeit Spaß machen – etwa, weil Kinder und Eltern etwas Schönes gemeinsam machen.

Ist es ok, Kinder mit einer extra Bildschirmzeit zu belohnen, wenn sie zwischendurch etwas anderes machen, Sport zum Beispiel?

Medienzeit ins Belohnungssystem mit einzubeziehen wird oft praktiziert, ist aber nicht sinnvoll. Denn die Belohnung sollte in unmittelbarem Zusammenhang mit der Situation oder der Leistung stehen, für die ein Kind sie bekommt. Wenn ein Kind es zum Beispiel geschafft hat, über ein paar Tage hinweg die Medienzeit immer perfekt einzuhalten, dann kann ich es dafür mit einer extra Bildschirmzeit belohnen. Dagegen sollten schlechte Schulnoten nicht mit Medienentzug bestraft werden. Die Kinder dürfen nicht den Eindruck bekommen, dass nur die Zeit, die sie mit dem Smartphone oder Tablet verbringen, eine schöne, unterhaltsame und lohnende Zeit ist.

Wie können Eltern das vermeiden?

Zum Beispiel indem sie andere Dinge, die sie als Familie gemeinsam machen, genussvoll zelebrieren. Die Kinder sollten nicht zur Überzeugung kommen, dass Mediennutzung etwas Besonderes ist und es daneben keine anderen vergnüglichen Freizeitbeschäftigungen gibt. Für Kinder ist Vielfalt wichtig und Struktur. Vielen Familien hilft es, wenn Eltern und Kinder einen Mediennutzungsvertrag abschließen. Vorlagen dazu gibt es sogar als Download im Netz. So können Familien gemeinsam festlegen, was Kinder am Smartphone oder Computer machen. Ein Vertrag signalisiert den Kindern, dass sie in ihrem Medieninteresse ernst genommen werden und sie sich auf die Verabredung verlassen können.

Kind am Smartphone
©Mirko Sajkov

Wie alt sollte ein Kind mindestens sein, wenn es beginnt, ein Tablet oder Smartphone zu nutzen?

Bei der Initiative Schau hin! empfehlen wird den Besitz oder die eigenständige Smartphone-Nutzung ab einem Alter von zwölf Jahren. Damit setzen wir schon vergleichsweise früh an, denn die meisten Social-Media-Plattformen haben ein Mindestalter von 13 Jahren, WhatsApp ist ohne Einverständnis der Eltern erst ab 16 Jahren erlaubt. Wenn sich Eltern entscheiden, die Kinder früher mit Smartphone oder Tablet vertraut zu machen, dann am besten mit einer umfangreichen Begleitung. Denn es geht ja nicht nur darum, die Funktionsweise des Gerätes zu erlernen. Es geht auch um die Risiken und Konsequenzen, die mit der Nutzung verbunden sind. Ab etwa sechs bis neun Jahren haben Kinder zum Beispiel eine Vorstellung davon, welche Kosten entstehen, wenn man ein Smartphone nutzt.

Kind am Smartphone
©Diego Passadori

Wie lange sollte sich ein Kind pro Tag mit elektronischen Medien beschäftigen?

Welche Bildschirmzeit vertretbar ist, hängt zum einen davon ab, was von den Kindern sonst gefordert wird. Das ist in der Ferienzeit anders als in der Schulzeit. Zum anderen hängt es natürlich vom Alter der Kinder ab. Für Kinder im Vorschulalter von drei bis fünf Jahren, die altersgerechte Angebote wie Bilderbücher oder Lern-Apps auf dem Tablet nutzen, liegt die empfohlene Bildschirmzeit bei 15 bis 25 Minuten pro Tag. Da sollten die Eltern natürlich dabei sein. Für die Sechs- bis Neunjährigen empfehlen wir 45 bis 60 Minuten, ab zehn Jahren maximal 90 Minuten. Ab einem Alter von neun oder zehn Jahren kann man auch darüber nachdenken, ein Wochenkontingent zu vereinbaren. Ob das gelingt, hängt davon ab, wie reif und einsichtig ein Kind bereits ist. So kann ich zum Beispiel gemeinsam mit dem Kind eine Ferienwoche mit allen Aktivitäten planen und dabei kann es auch mal einen Tag ohne Smartphone geben. Das ist dann eben so. Die Kinder trinken ja auch nicht den ganzen Tag Limo oder essen ein Eis nach dem anderen. Kindern darf ein Tag ohne Smartphone nicht als Defizit vorkommen. Und den Eltern auch nicht.

Und wie lernen Kinder den Umgang mit Smartphones am besten?

Wir empfehlen, die Nutzung des Smartphones schrittweise und begleitet anzugehen und zum Beispiel am Anfang Internet und WLAN zu sperren. So sind die Kinder geschützt, haben keine unerwünschten Fremdkontakte oder sehen Filme, die für ihr Alter nicht geeignet sind. Ab zwölf Jahren haben Kinder in ihrer Freizeit und auch für die Schule in der Regel schon eine gewisse Reife und Erfahrung im Umgang mit Medien erlangt, so dass sie eigenständig und allein ein Smartphone nutzen können. Dennoch sind natürlich Sicherheitseinstellungen nötig. Kinder sollen aber lernen, dass Smartphones und Computer ganz normale Hilfsmittel im Alltag sind. Damit kann man zum Beispiel Navigieren oder Fahrkarten kaufen. Und natürlich sind sie auch zur Unterhaltung da. Häufig vergessen die Familien dabei, dass man mit dem Smartphone auch kreativ sein und Inhalte selber erstellen kann, etwa beim Fotografieren oder Filmen. Beim spielerischen Umgang lernen Kinder, wie Bilder und Videos entstehen und können professionelle Angebote dann auch besser entschlüsseln.

Heißt das, Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern TikTok-Videos erstellen?

Wenn Kinder TikTok nutzen wollen, empfehle ich, dass Eltern das Profil gemeinsam mit ihren Kindern einrichten. Sicherheitsregeln und Absprachen darüber, was gepostet wird, können die Kinder vor potenziellen Gefahren schützen. Seit April gibt es eine Funktion, die Direktnachrichten für Kinder unter 16 Jahren sperrt. So können sie keine Nachrichten von Unbekannten erhalten. Gemeinsam kann man dann überlegen, welche Videos in welcher Form veröffentlicht werden können, wo die Grenzen liegen und welche Profileinstellungen sinnvoll sind.

Kind macht Foto
©Anviere

Was sind sinnvolle Medieninhalte für Kinder?

Sinnvoll ist alles, was die Kinder in ihrer geistigen, künstlerischen und ästhetischen sowie sozialen Entwicklung unterstützt. Das ist natürlich immer abhängig vom Alter des Kindes. Die Themen, die Gestaltung in Farbgebung, Zeichnung und Schnittfolge und der Inhalt müssen auf den Entwicklungsstand des Kindes abgestimmt sein. Darüber hinaus raten wir von Inhalten ab, die darauf zielen, dass die Kinder Geld ausgeben oder soziale Netzwerke nutzen. Und von solchen, die verängstigen, verstören oder irritieren. Wir empfehlen Eltern immer, sich vorab zu orientieren, welche gesetzlichen Freigaben für Spiele und Filme gelten und darüber hinaus zusätzlich auf die pädagogische Altersempfehlung zu achten, die davon abweichen kann. Unabhängige pädagogische Ratgeber findet man ganz leicht im Netz.

Fühlen sich Teenager nicht in ihrer Privatsphäre verletzt, wenn man ständig schaut, was sie mit ihren Smartphones machen?

Es kommt darauf an, wie die Eltern das wissen wollen. Wenn ein Kind gelernt hat, dass sich die Eltern dafür interessieren, was es in der Netzwelt macht, dann kommt es ihm nicht komisch vor. Im besten Fall tauscht man sich darüber regelmäßig aus. Gerade in der Pubertät kann diese Diskussion natürlich sehr konfrontativ werden. Dann ist es gut, wenn Kinder bereits vorher gelernt haben, dass sie sich um ihre eigene Sicherheit kümmern müssen. Wir empfehlen Eltern, ihre Haltung zu bewahren. Den Kindern muss klar sein, dass Mediennutzung ok ist, aber dass es dafür einen bestimmten Rahmen mit Pausen und Nutzungszeiten gibt.

Jugendliche mit Smartphone
©Cyn Yoder

Woran können Eltern erkennen, dass die Nutzung digitaler Medien ein Kind überfordert?

Häufig gibt es Signale. Überforderung zeigt sich zum Beispiel, wenn Kinder missmutig oder aufbrausend sind. Wenn sie nicht gut schlafen können, liegt es oft daran, dass sie etwas Herausforderndes gesehen oder einfach zu lange vor dem Bildschirm gehangen haben. Die Pausen sind ja auch dazu da, das Gesehene zu verarbeiten. Wenn Kinder unangemessene Erlebnisse im Netz hatten, sind sie oft bedrückt oder verängstigt, werden still, entziehen sich sozialen Kontakten. Daneben gibt es natürlich auch körperliche Symptome wie Kopf- oder Nackenschmerzen.

Und wie sollten Eltern dann reagieren?

Das hängt vom individuellen Erziehungsstil ab. Es kann auch einmal sinnvoll sein zu sagen: Ich habe die Nase voll und kassiere jetzt alle Geräte ein oder sperre den Internetzugang. Dann sollte man aber unbedingt darüber sprechen und zum Beispiel gemeinsam auswerten, wie viel entspannter und fröhlicher alle sind, wenn es mal eine Pause vom Smartphone oder Tablet gibt. Oft stellen auch die Kinder dann fest, wie angenehm es ist, nicht dauernd auf Nachrichten reagieren zu müssen. 

Zur Person: 

Kristin Langer
©SCHAU HIN! – Kristin Langer

Kristin Langer ist Mediencoach bei Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht. Die Initiative hilft Eltern bei der Medienerziehung. Die diplomierte Medienpädagogin und Mutter einer Tochter hat langjährige Erfahrungen im Bereich der Elternarbeit: Als freie Dozentin arbeitet sie in der Erwachsenen- sowie Lehrerfortbildung und ist Referentin für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.